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Freitag, 31. Januar 2014

FAKEVIN001

5 Uhr 30, das war seine Zeit. Kevin hatte verschiedene Methoden ausprobiert, seine Profile für ihn arbeiten zu lassen. Für einen Krümel Haschisch hatten Bekannte das eine oder andere Profil für ihn gesteuert oder ein Sixpack Aldi-Bier. Diese Leute waren ihm aber zu unzuverlässig, wie er sich zerknirscht eingestehen mußte. Seit er die Arbeit allein macht, ist er in der Rangliste der Top 100 Mitglieder unter den ersten 20 zu finden. Um 5 Uhr 30 begann er zunächst einmal mit den Bewertungen. Von den 3 Profilen, auf die er sich konzentrieren wollte, war eines dabei, das recht gut ankam. Er hütete sich davor, allen seiner insgesamt 23 Profile gleich gute Bewertungen zu geben. Er hielt sich 20 "Bauern", so nannte er sie, mit denen er ausschließlich die drei "Auserwählten" bewertete. 5 Sterne für das Profil und 5 für jedes Foto vergab er. Auf diese Weise war eine Spitzenbewertung für die drei garantiert. Die Fotos zu fälschen, war dank seiner Photoshopkenntnisse leichtes Spiel und es machte ihm große Freude, zu sehen, wie die Bilderbewerter darauf hereinfielen. Von den 20 Bauern waren 5 Frauenprofile, 5 Paarprofile und 10 Männerprofile.
Nach der routinemäßigen Bewertungsprozedur machte er sich an die Gästebücher, die er sowohl mit wohlwollenden Kommentaren versah, als auch übliche Floskeln, wie "der Filter läßt mich nicht durch" oder "Ich laß Dir mal einen Gruß da" schrieb. Als letztes öffnete er mit seinen 3 Königen Frauenprofile, prüfte, ob er Nachrichten an diese senden konnte und speicherte diese als Favoriten, um den Überblick nicht zu verlieren. Konkurrenten in der Top 100 bewertete er mit seinen Bauern und vergab an jeden, der vor ihm in der Rangliste war, mit einem Stern, um den Durchschnitt auf diese Weise zu drücken.
Sein am höchsten bewertetes Profil hatte er einem "Echtheitscheck" unterziehen lassen und konnte deshalb sicher sein, nicht verdächtigt zu werden, eine Fälschung zu sein. Im Forum schrieb er mit seinem König ausschließlich im sogenannten "Flirt- und Unterhaltungsbereich". Dort konnte man leicht Punkte sammeln duch das Beantworten von Fragen, wie "Was hörst Du gerade" (er gab fast immer die selbe Antwort, nämlich Radio WDR7) und hatte innerhalb kürzester Zeit den Status "Forenurgestein" erhalten.

Klam Swietz


 Klams Mutter Lore Fruchtig erreichte das Dorf Hockerlingen nach ihrer Flucht aus den grauen Bergen mit ihren Kindern und sprach mit niemandem jemals über die vergangene Zeit. Der Hockerlinger Steinmetz Wilbur Swietz, der Lore und ihren Kindern ein neues Leben versprochen hatte und sich der Erfüllung dieser Aufgabe voller Hingabe widmete, verstarb auf dem Weg zur Schule, von der er Klam abholen wollte, an einer Hirnblutung. Er hatte gedankenverloren in seiner Nase gebohrt, als er über einen herumliegenden Ast stolperte und zu Boden stürzte. Er schlug mit dem rechten Ellenbogen auf dem harten Feldweg auf, wodurch der kleine Finger, der in seiner Nase steckte, sich wie ein Gleisnagel in Wilburs Gehirn bohrte.
Die Schwestern Klams, die auf die Namen Maite, Belisa, Simmy und Holunda hörten, hatten vier unterschiedliche Väter, die Lore einer wie der andere sich selbst überließen, noch bevor ihre Kinder geboren waren. Der Junge Gorm, das sechste Kind der Lore Fruchtig, erblickte das Licht der Welt an Klams viertem Geburtstag im Alter von fünf Jahren. Bis zu diesem Tag ahnte nicht einmal Mutter Lore etwas von Existenz Gorms. Während jener denkwürdigen Geburtstagsfeier klagte Klam über starke Schmerzen in seiner rechten Schulter, und gerade, als die Schwestern zu einer Polonäse ansetzen wollten, ging er ohnmächtig zu Boden. Aus Klams rechter Achselhöhle schälte sich der in ihm eingewachsene Bruder unter lautem Gebrüll bis zur verwachsenen Hüfte heraus. Gorm, wie er später genannt wurde, fluchte und schimpfte und machte seinen Schwestern unanständige Angebote, zog sich aber wieder in Klams Körper zurück, nachdem er eine warme Wurstsuppe verschlungen hatte. Untersuchungen durch eigens aus der Hauptstadt angereiste und zur Verschwiegenheit gemahnte Spezialisten ergaben zum Entsetzen aller, daß Gorm ohne den geringsten Zweifel ein ganzes Jahr älter war als Klam.
Die fassungslosen, schockierten Mediziner und ihre eingeweihten Zuträger und Gehilfen gaben vor, keinem Menschen von diesem zusätzlichen skurrilen Detail zu berichten, waren doch allein schon die Existenz Gorms, sowie die Umstände seines verstörenden Erscheinens nicht einmal von den Abgebrühtesten ohne Schaudern zu ertragen gewesen. Neugierige Nachbarn, vor denen Gorm nicht bei jedem seiner Auftritte versteckt werden konnte, bezichtigten Lore Fruchtig und Wilbur Swietz jedoch dämonischer Umtriebe, worauf die ganze Familie eines Nachts vor herannahende, mit Fackeln und Mistgabeln bewaffnete Gläubige die Flucht ergriffen hatte und sich nach einem gefährlichem Fußmarsch in einem entfernten Dorf mit unaussprechlichem Namen nieder ließ, dessen Bewohner dem Klerus traditionell skeptisch gegenüber standen, wie der überall bekannte und geschätzte Steinmetz Wilbur Swietz wußte. Die Umstände von Gorms Erscheinen mit seinen derben Begrüßungsformeln hatten Klam bereits in jungen Jahren unzählige Aufenthalte in Gefängniszellen und Psychatrischen Anstalten eingebracht, aus denen er nur nach radiologischen Untersuchungen wieder entlassen wurde.
Wilbur hatte Lore nicht velassen, und so gab Lore ihrem einzigen für sie vollwertigen Sohn den Nachnamen Wilburs. Das Wort Swietz klang gütig und makellos in den Ohren der Mutter und Klam erfuhr viel später erst, daß er einmal Fruchtig geheißen hatte. Lore Fruchtig setzte ihr Leben lang alles daran, Klam so unbeschwert aufwachsen zu lassen, wie es möglich war. Die Schwestern versuchten, Gorm nicht zu reizen und Lore erfüllte Klam jeden Wunsch im Voraus. Da sie Flüchtlinge waren, ergab es sich, daß die Familie in einer ärmeren Hütte hauste als die anderen. Sie hatten auch ärmere Kleidung und die Kinder hatten ärmeres Spielzeug. Die Dorfbewohner betrachteten sie als asozial, konnte aber nicht umhin, ihre hohe Bildung und das gute Benehmen zu bemerken. Auch sprachen weder Lore noch die Kinder den lokalen Dialekt. Dies hatte zur Folge, daß die Kinder zwar nicht belästigt, jedoch auch nicht beachtet, geschweige denn gefördert wurden. Sie galten als rätselhafte Wesen, von denen sich fern zu halten klüger war.
Das sonderbarste Wesen der Familie aber war Klam. Er war über alle Maßen schlank, trug sein Haar ungeschnitten und war in allen Dingen ungehorsam. Er stritt sich nie, hatte niemals jemanden geschlagen oder belästigt. Auch als renitent konnte ihn keiner bezeichnen. Doch wenn Klam einmal etwas abgelehnt hatte, konnte nichts und niemand ihn wieder umstimmen. In der Schule war er immer der Beste. Klam hatte in jedem Fach die besten Noten, obwohl er weder Hausaufgaben erledigte, noch für Schularbeiten lernte. Eine Beteiligung am Unterricht fand nicht statt, was seine Lehrer ratlos machte, die sich ob seiner schnellen Auffassungsgabe nicht entschließen konnten, seine Mitarbeit am Unterricht der Realität entsprechend mit einer schlechten Zensur zu bewerten. Allein in Sport hatte Klam keine guten Noten. Er mochte nicht zu den verschiedensten Erniedrigungen gezwungen werden. Klam weigerte sich, bei Ballspielen jener Mannschaft anzugehören, welche mit nackten Oberkörpern spielen mußte, weil es keine Trikots in verschiedenen Farben gab. So entging den Sportverantwortlichen das Talent Klams, einen Ball eng am Fuß zu führen und mit einem ansatzlosen Tritt dorthin zu schlagen, wo er ihn haben wollte. Bei Läufen über Strecken von mindestens 8ooo m zeigte Klam mehr Ausdauer als alle anderen Schüler und schaffte es leicht, durch kluges Haushalten seiner Kräfte die vorangepreschten Läufer einzuholen und als Erster, meist auch als Einziger, das Ziel zu erreichen.
Die Kleidung Klams bestand meist aus Stücken, die seine Schwestern zuvor getragen hatten und die von Mutter Lore umgenäht wurden, was seine Mitschüler zu Hohn und Spott animierte. Klam reagierte darauf mit für ihn typischem Trotz. Er ermutigte seine Mutter dazu, die ursprüngliche Form der abgetragen Kleider zu bewahren, was diese schweren Herzens tat. Klam genoß dadurch vor allem die neu gewonnene Freiheit seines Schwengels unter den Röcken und Kleidern, der nun ungebändigt durch Unterwäsche stets verfügbar war. Als Lore Swietz bemerkte, daß Klam der Unterwäsche entsagt hatte, stattete sie seine älteren Schwestern hauptsächlich mit Hosen aus. Das brachte Klam dazu, sich seine Beinkleider fortan selbst herzustellen.
Im Alter von 5 Jahren hatte der frühreife Klam bereits ein überwältigendes Gefühl entdeckt, als er sich auf eine Fensterbank geschwungen hatte, um aus einem Fenster hinaus zu schauen. Das Schaukeln auf seinem Penis hatte ihm einen kollossalen Genuß bereitet. Er kannte kein anderes Gefühl mit ähnlicher Intensität und liebkost seitdem bei jeder sich bietenden Gelegenheit sein Genital. Seinen Schwanz in eine enge Hose zu zwängen, erschien ihm bereits damals vollkommen absurd. Als eines Nachmittags Klams Spielkameradin Tilly seinen erigierten Schwanz zu Gesicht bekam, mit dem er gedankenverloren unter einer Birke spielte, gestattete der Zwölfjährige ihr, ihn zu berühren. Tilly bot ihm darauf ihre Vagina an, die Klam interessiert betrachtete und betastete, was seinen Penis wiederum deutlich härter machte, als er jemals zuvor gewesen war. Tilly war die imposante Versteifung nicht entgangen, die ihr enorm gefiel und sie rieb sein Glied der ganzen Länge nach mit beiden Händen. Klam streichelte daraufhin mit seinen Fingerkuppen ihre brötchenförmige, unbehaarte Vagina, wodurch die Spalte sich leicht geöffnet hatte. Die rosige Haut dahinter wurde seidig feucht und verströmte einen Klam bis dahin unbekannten, betörenden Duft. Bei einem gemeinsamen Früchtesammeln ergab es sich, daß Klam die für ihn verblüffende Entdeckung machen konnte, daß sein Penis in hartem Zustand genau in die Vagina von Tilly hineinpasste. Für Klam war seit diesem Erlebnis ohne Zweifel klar geworden, daß er für den Rest seines Lebens nach nichts mehr streben werde, als danach, die Wonnen, die sein Glied ihm bereitete, zu vereinen mit dem Glück, das ihm Tillys wundervolle Vagina beschert hatte.
Die Schmerz-Therapeutin Fran Barnello behandelte den von stärksten Qualen gepeinigten Klam Swietz zum ersten Mal, als er 16 Jahre alt war. Zunächst hatte sie keine Kenntnis von der Existens des eingewachsenen Bruders Gorm, der eigentlichen Ursache für Klarns Leiden. Klam wiederum hegte romantische Gefühle für die aparte Akademikerin und in der Annahme, jegliche Chance auf Annäherung zu verlieren, verschwieg Klam seinen Bruder. Bei einem Spaziergang zum Nachbardorf, zu dem er die Angebetete überreden konnte, begegnete den Beiden eine ausgelassene Gruppe von Klosterschülerinnen, die singend und tanzend in frommer Manier ihrem Schöpfer huldigten. Gorm, der eine Affinität zu Gesang und Tanz hat, konnte nicht widerstehen, die vorher mit Klam getroffene Vereinbarung, im Beisein von Fran Barnello nicht zu erscheinen, zu ignorieren und schälte sich unter lautstarkem Grunzen und Gröhlen aus Klams Achselhöhle, worauf die Jungnonnen betend das Weite suchten. Fran aber verstand die Misere Klams, nachdem der erste Schreck überwunden war, und sprach mit Gorm auf eine Weise, wie es nie ein Mensch zuvor versucht hatte. Gerade so, als sei sein Auftritt nicht ungewöhnlich gewesen. Sie brachte Gorm sogar dazu, sich zurück zu ziehen und rang ihm das Versprechen ab, die Vereinbarungen mit Klam von nun an einzuhalten. Dafür mußte Fran jedoch versprechen, Gorm einen Wunsch zu erfüllen. Sie sollte nackt auf einem Tisch tanzen, während Gorm eine scharfe Suppe zu sich nahm. Fran erfüllte Gorm diesen Wunsch noch am selben Abend und entdeckte ihrerseits eine bisher unbekannte Neigung, die sie mit den zwei ungleichen Brüdern von nun an gemeinsam genießen konnte.

Arnold

Die Meisten hielten Arnold für einen Chinesen. Viele glaubten an japanische oder thailändische Wurzeln. Niemand hatte jemals erraten, daß er in Kirgisien geboren wurde. Manchmal machte er sich einen Spaß und behauptete augenzwinkernd, er sei Mexikaner oder Eskimo. Er hatte eine kräftige Statur, sehr schmale Augen unter einer breiten Stirn und eine dunkle, golden schimmernde Hautfarbe. Sein Fränkisch unterschied sich von dem seiner Kollegen nur durch eine leicht verschrobene Ausdrucksweise und die Eigenart, durch bestimmte Bewegungen einerseits seinen Worten mehr Ausdruck zu verleihen und andererseits Etwas ohne Worte zu kommentieren, empfand nur abschreckend, wer ihn nicht kannte. Alle anderen hatten sich an seine skurrile Art gewöhnt.
Arnold war der einzige Überlebende eines kleinen kirgisischen Dorfes, das von einer Schlammlawine zerstört wurde. Ein deutsches Ehepaar, das an jenem Morgen, als sich die Katastrophe ereignet hatte, im Auftrag des Goethe-Institutes auf dem Weg in das Dorf war, um dort als Lehrer zu arbeiten, hatte auf einem vorübertreibenden Baumstamm einen zwischen zwei Ästen eingeklemmten Korb gesehen. Die Frau konnte diesen Korb mit einer Hand ergreifen und auf die Flucht vor der Flut mitnehmen. Nachdem sie erfahren mußten, daß die politischen Verwalter der Region zu keiner Hilfe für die Fremden willens oder imstande waren, daß sie dem Säugling im Korb mit Mißtrauen und Feindseligkeit begegneten und Abergläubische gar dem Kind selbst die Katastrophe zuschrieben, beschlossen sie, das Land so schnell wie möglich zu verlassen und den Jungen mit zu nehmen. Sie nutzten die allgemeine Verwirrung und Bestechlichkeit, um sich im Laderaum einer Militärmaschine, mit dem Babykorb unter ihrem Gepäck versteckt, nach Dresden fliegen zu lassen. Nachdem dort keine Arbeit zu finden war, zogen sie nach Bayern, wo beide Anstellungen als Lehrer finden konnten. Arnold wuchs mehrsprachig auf. In der Schule lernte er Deutsch, Französisch und Englisch, seine Stiefeltern brachten ihm Spanisch bei. Zusätzlich sollte das Kindermädchen, das aus Kirgisien stammte, dafür sorgen, daß Arnold seine Wurzeln nicht vergaß.
Weil sein mittelmäßiges Abitur ihn nicht für ein Medizinstudium qualifizierte, absolvierte Arnold eine Ausbildung zum Krankenpfleger, die er als Bester seines Jahrganges abschloß. In der Klinik war er nach kurzer Zeit der beliebteste Pfleger sowohl bei den Patienten, als auch bei der Ärzteschaft. Er arbeitete in der neurologischen Abteilung und hatte sich einen Trick ausgedacht, der ihm das Vertrauen und die Sympathie der alten Menschen sichern sollte. Er hatte sich über die Kinohelden vergangenen Zeiten informiert, als seine Patienten jung waren und hatte sich ein paar alte Filme angesehen, um seinen Zitatenschatz zu erweitern. Er begann, Floskeln aus diesen Filmen in seine Gespräche einfließen zu lassen. Wenn ein Patient besonders durch Schwimmen Fortschritte gemacht hatte, sagte er zum Beispiel: "Johnny Weissmüller würde vor Neid erblassen". Das funktionierte zu seiner Überraschung besser, als er gedacht hatte. Dadurch ermutigt, begann er, Gesten, Blicke und Bewegungen nachzuahmen. Jeden Abend sah er sich auf seinem Fernsehapparat alte Filme an. Er studierte das Fernsehprogramm 2 Wochen im Voraus, hatte in jeder Videothek der Stadt eine Mitgliedskarte und lud sich vom Internet, was er bekommen konnte. Innerhalb von wenigen Monaten hatte er ein vielseitiges Repertoire. Er imitierte Chaplin's Art zu gehen ebenso wie die von Zeichentrickfiguren und versuchte, selbst unmöglichen Bewegungen möglichst nahe zu kommen, wie zum Beispiel das Augen-aus-dem-Kopf-treten bei Tex Averys Figuren. Ohne es zu beabsichtigen waren die Zitate und Bewegungen in seinen allgemeinen Sprach- und Motorikgebrauch übergegangen. Nicht wenige seiner Kolleginnen, die ein Auge auf ihn geworfen hatten, empfanden das als verschroben, und selbst diejenigen, die ihn nur kurz kannten, wollten nicht zum Dunstkreis dieses Kauzes gehören.
"Sei's drum", dachte er, "Flotte Backfische gibt es auch noch anderswo."