Arnold war der einzige Überlebende eines kleinen kirgisischen Dorfes, das von einer Schlammlawine zerstört wurde. Ein deutsches Ehepaar, das an jenem Morgen, als sich die Katastrophe ereignet hatte, im Auftrag des Goethe-Institutes auf dem Weg in das Dorf war, um dort als Lehrer zu arbeiten, hatte auf einem vorübertreibenden Baumstamm einen zwischen zwei Ästen eingeklemmten Korb gesehen. Die Frau konnte diesen Korb mit einer Hand ergreifen und auf die Flucht vor der Flut mitnehmen. Nachdem sie erfahren mußten, daß die politischen Verwalter der Region zu keiner Hilfe für die Fremden willens oder imstande waren, daß sie dem Säugling im Korb mit Mißtrauen und Feindseligkeit begegneten und Abergläubische gar dem Kind selbst die Katastrophe zuschrieben, beschlossen sie, das Land so schnell wie möglich zu verlassen und den Jungen mit zu nehmen. Sie nutzten die allgemeine Verwirrung und Bestechlichkeit, um sich im Laderaum einer Militärmaschine, mit dem Babykorb unter ihrem Gepäck versteckt, nach Dresden fliegen zu lassen. Nachdem dort keine Arbeit zu finden war, zogen sie nach Bayern, wo beide Anstellungen als Lehrer finden konnten. Arnold wuchs mehrsprachig auf. In der Schule lernte er Deutsch, Französisch und Englisch, seine Stiefeltern brachten ihm Spanisch bei. Zusätzlich sollte das Kindermädchen, das aus Kirgisien stammte, dafür sorgen, daß Arnold seine Wurzeln nicht vergaß.
Weil sein mittelmäßiges Abitur ihn nicht für ein Medizinstudium qualifizierte, absolvierte Arnold eine Ausbildung zum Krankenpfleger, die er als Bester seines Jahrganges abschloß. In der Klinik war er nach kurzer Zeit der beliebteste Pfleger sowohl bei den Patienten, als auch bei der Ärzteschaft. Er arbeitete in der neurologischen Abteilung und hatte sich einen Trick ausgedacht, der ihm das Vertrauen und die Sympathie der alten Menschen sichern sollte. Er hatte sich über die Kinohelden vergangenen Zeiten informiert, als seine Patienten jung waren und hatte sich ein paar alte Filme angesehen, um seinen Zitatenschatz zu erweitern. Er begann, Floskeln aus diesen Filmen in seine Gespräche einfließen zu lassen. Wenn ein Patient besonders durch Schwimmen Fortschritte gemacht hatte, sagte er zum Beispiel: "Johnny Weissmüller würde vor Neid erblassen". Das funktionierte zu seiner Überraschung besser, als er gedacht hatte. Dadurch ermutigt, begann er, Gesten, Blicke und Bewegungen nachzuahmen. Jeden Abend sah er sich auf seinem Fernsehapparat alte Filme an. Er studierte das Fernsehprogramm 2 Wochen im Voraus, hatte in jeder Videothek der Stadt eine Mitgliedskarte und lud sich vom Internet, was er bekommen konnte. Innerhalb von wenigen Monaten hatte er ein vielseitiges Repertoire. Er imitierte Chaplin's Art zu gehen ebenso wie die von Zeichentrickfiguren und versuchte, selbst unmöglichen Bewegungen möglichst nahe zu kommen, wie zum Beispiel das Augen-aus-dem-Kopf-treten bei Tex Averys Figuren. Ohne es zu beabsichtigen waren die Zitate und Bewegungen in seinen allgemeinen Sprach- und Motorikgebrauch übergegangen. Nicht wenige seiner Kolleginnen, die ein Auge auf ihn geworfen hatten, empfanden das als verschroben, und selbst diejenigen, die ihn nur kurz kannten, wollten nicht zum Dunstkreis dieses Kauzes gehören.
"Sei's drum", dachte er, "Flotte Backfische gibt es auch noch anderswo."