Freitag, 31. Januar 2014
Der Radiorecorder
Ich lag bewegungsunfähig auf dem Rücken. Mit auf der Brust gefalteten Händen wartete ich auf die Wirkung der Schmerztabletten. Die sollten es mir möglich machen, die Rückenschmerzen zu ertragen. Der Mangel an Bewegung allerdings verschlechterte die Symptome so rapide, daß ich an den meisten Tagen kaum fähig war, das Bett zu verlassen. Rosa, meine Haushaltshilfe, fuchtelte mit einem Besen unter dem Bett herum, um dort sauber zu machen. Begleitet von Geklapper und Staubwolken zerrte sie einen Radiorecorder an das für einen Moment getrübte Tageslicht. "Na was haben wir denn da? Sogar eine Kassette ist noch drin." "Bitte nicht!" wollte ich sagen, war aber nicht imstande, mehr als ein Brummen zu nuscheln. Eine Ex-Freundin hatte diese Kassette mitsamt des Abspiel-Schrotts in meiner Wohnung gelassen. Natürlich wußte ich, was sich auf der Kassette befand und die Tücken des Radios hatte ich ebensowenig vergessen. Der Sender war nicht mehr verstellbar, die Empfangsfrequenz zwischen zwei Sendern im Kurzwellenband festgebacken. Die Kassette konnte nicht mehr ausgeworfen werden und leider funktionierte die Autoreverse-Funktion tadellos. Auf der Kassette waren "Hausmeister Thomas D." und andere "deutsche Rapper" zu hören, die es sich nicht hatten nehmen lassen, in den ohnehin schon randvollen Pseudophilosophien-Pool ihre eigenen bürgerlich-esoterischen Lebensweisheiten hinein zu scheißen. Rosa fand eine freie Steckdose am anderen Ende des Raumes, gab Strom und das Radio begann zu zwitschern, zu quietschen und zu jaulen. Rosa probierte das Sender-Rad, scheiterte aber bei der Kanalsuche, schaltete dann auf Tape, worauf sofort der Play-Modus startete. "Oh, schön" kommentierte sie Thomas D.s Worte: "Dieser Körper ist Dein Haus. Darin kennst Du Dich aus. Du atmest ein, Du atmest aus. Du lebst." Nachdem sie den Staub zusammengefegt hatte, verschwand sie in der Küche und ließ mich mit der eingeschalteten Brechreiz-Maschine allein. "Was soll ich einkaufen? Hach, ich bin gut gelaunt jetzt. Ich geh zum LIDL, was brauchst Du?" "Nichts", rief ich ihr zu, "Klaus Nomi kommt gleich und bringt mir einen selbstgebackenen Kuchen mit", worauf es an der Tür schellte. Rosa öffnete und führte Nomi zu mir. "Die Musik tut ihm bestimmt gut", hörte ich sie sagen. Nachdem sie uns verlassen hatte, um die Einkäufe zu erledigen, schaltete Nomi mit einem Fingerschnippen den Radiorecorder stumm, streichelte meinen Kopf und flüsterte mir ins Ohr: "Tapferer Kerl. Halt durch. Siehst Du, in Deinem Alter war ich bereits tot." Wir aßen beide von der leckeren Linzertorte, die er extra für mich gebacken hatte und schwiegen ein angenehmes, freundliches Schweigen.